Wie die Raue Rampe zur Fischfalle wird

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie ist ein ausgezeichnetes Instrument, um die Europäischen Gewässer wieder in einen sauberen Zustand zu bringen. Über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte wurden Gewässer viel zu wenig als Lebensraum verstanden.

Unglücklicherweise hat sich nicht nur, aber doch verstärkt in Deutschland, eine Lesart herauskristallisiert, die die Querbauwerke per se als schlecht für den Gewässerzustand ansieht. Oft werden dabei Umweltbelange zugunsten von einigen sehr kurzsichtigen Ansichten hintangestellt.

Nun wissen auch diejenigen, die Querbauwerke wegreißen wollen, dass sich damit neue Probleme auftun: Das Wasser würde schneller talwärts fließen, das Flussbett würde eingetieft, der Grundwasserspiegel absinken etc. In seltenen Fällen ist genug Platz, um alte Mäander wieder herzustellen, doch bleibt das die Ausnahme.

Wo Wehre zurückgebaut werden, hat sich statt dessen quasi als Allheilmittel eine neue Idee breit gemacht: Die sogenannte Raue Rampe. Nach Michael Hütte: "Ökologie und Wasserbau: ökologische Grundlagen von Gewässerverbauung und Wasserkraftnutzung" hört sich die Qualität einer Rauen Rampe so an: „Sie ist ein steiler Fließabschnitt (Gefälle etwa 1:3 bis 1:10) mit Störkörpern in Form von Steinsatz oder Steinschüttung. Hierbei werden Steine bzw. Felsblöcke bis etwa 1,2 m Durchmesser auf eine mehrstufige Kiesfilterschicht gesetzt oder geschüttet.“ 

Als Alternative zu Wehren soll sie deren Funktion insofern übernehmen, dass Tiefenerosion vermieden wird, indes der Fischaufstieg und -abstieg nahezu ungehindert stattfinden kann.

Beispiel Gosenbach bei Haag (Oberfranken)

Wir haben uns deshalb einmal solch eine Raue Rampe über einen längeren Zeitrum angesehen. In der Nähe von Haag, einem kleinen Ort in der Nähe von Creußen in Oberfranken. Dort am Gosenbach, einem Quellfluss des Roten Mains, hat das Wasserwirtschaftsamt Hof ein kleines Wehr zu einer Rauen Rampe umfunktioniert.

Die Idee einer Rauen Rampe schaut im Längsschnitt ungefähr so aus:

Nach der Fertigstellung wird sie dann planmäßig vom Wasser überströmt.

Hier müssen wir schon einmal einhaken:

Die Felsbrocken sind keine glatten Flussteine, sondern in der Regel flussfremdes Gestein, dass frisch aus einem Steinbruch kommt. Daher sind die Brocken oft scharfkantig, so dass sich Fische leicht daran verletzen können.

Bei einer Studie an der Wasserkraftanlage Baierbrunn, die eigentlich dazu angelegt war, die dortige Wasserkraft zu untersuchen, stellte sich ganz nebenbei heraus, dass sich viel mehr Fische bei der Passage der Rauen Rampe verletzt hatten, als sogar jene Fische, die durch die Turbine geschwommen waren.

Wenn die Raue Rampe – wie im Bild oben – gleichmäßig von einem Wasserfilm überströmt wird, haben die Fische noch eine gewisse Chance. Aber der Regelfall sieht leider anders aus …

Hier als Beispiel eine sehr flache Raue Rampe (eigentlich eher eine Sohlgleite), die ebenfalls das WWA Hof im Weißen Main bei Himmelkron errichtet hat. Dort fand man sogar eine natürliche Felsstufe als störend für die Fischpassage. Sie wurde weggebaggert und das Flussbett statt dessen mit scharfkantigen Steinbruch-Steinen verunziert. Hier ein Vorher-Nachher-Vergleich:

Bei Hochwasser ist der Wasserfilm dann stark genug, um auch über scharfkantige Hindernisse ohne Gefahr wegzukommen. Aber bei Hochwässern wurden bislang auch Wehre ohne große Probleme von wanderwilligen Fischen gemeistert.

 

Das gilt auch für den Gosenbach:

Die Raue Rampe wird bei Hochwasser reichlich überschüttet. Fische können dort bei solchen Gelegenheiten sogar den Biberdamm passieren. Denn natürlich hat der ortsansässige Biber an dieser Stelle wenig von den Bemühungen des WWA Hof gehalten und das "alte Wehr" in seiner Technik wieder her gerichtet.

Mensch und Biber haben sich ja ohnehin seit Jahrhunderten gegenseitig die besten Stellen abgeschaut: Dort wo man im 13. Jahrhundert im Fichtelgebirge und anderswo begann, die Wasserkraft zu nutzen, indem man Wasser anstaute, war sehr oft entweder ohnehin eine natürliche Felsstufe oder die Topografie so geeignet, dass sie zuvor vom Biber für seine Dammbauten genutzt worden war.

 

Allerdings verändern Hochwässer auch die Struktur der künstlich errichteten Rauen Rampe: Das feine Material wird ausgespült. Übrig bleiben die großen Felsbrocken, zwischen denen ein Porensystem entsteht.

Geht das Wasserdargebot wieder zurück, verschwindet der größere Teil des restlichen Wassers dann zwischen den Steinen. Bei genug Dargebot finden sich dort hin und wieder noch Durchschlüpfe. Aber die tieferen Bereiche sind dann von Kies und Holz zugelegt. 

Kritisch wird es bei Niedrigwasser. Wenn kein Wasserfilm mehr die Raue Rampe bedeckt, werden die Bereiche zwischen den scharfkantigen Steinen zu Fallen. Die Steinschüttung wirkt wie ein Sieb. Nicht nur Kleinfische stecken darin fest, und kommen nicht mehr heraus. Auch größere Fische, die durchaus das Wehr bzw. den Biberdamm noch überwinden, sind diesem Fallensystem hilflos ausgeliefert. Das Wasser läuft in dem System ab und tritt erst unten an der Rauen Rampe wieder in sein Flussbett aus. Sogar Krebse mühen sich vergeblich, diesen Fallen zu entrinnen. Eine Zeitlang können sie in diesen Gefängnissen überleben. Dauert das Niedrigwasser an, verenden sie.

Diesen Zustand konnte man beim Gosenbach in den Augustwochen 2022 beobachten. Während oben dank der Arbeit des Bibers im Staubereich noch ein Rückzugsort für Kleinfische gegeben war, konnten sie der Rauen Rampe nicht mehr entkommen. Erst an deren Fuß trat wieder Wasser aus – doch diese lange Strecke war nicht zu überwinden (siehe Fotos nachfolgend).

Den Planern der Wasserwirtschaftsämter ist diese Fallen-Wirkung der Rauen Rampen zumindest teilweise durchaus bewusst.

Doch hören wir einmal, wie sie diesen Zustand bei Niedrigwasser nachgerade romantisch umschreiben: „Bei diesen niedrigen Wasserständen fallen Teile die [sic!] Sohlrampe und eine seitlich anschließende Kiesbank trocken und laden [die Fische] zum Verweilen und Erkunden ein.“ (aus: Erläuterungsbericht zur Vorplanung Wehranlage Steinmühle in Hirschberg Planung des Teilrückbaus der Wehranlage i.V. mit Errichtung einer Tieraufstiegshilfe / S.15)

Oder sind gar nicht die Fische gemeint? Jedenfalls befindet sich der Fischreiher am Steinmühlenwehr schon in Lauerstellung – scheut dort aber die Öffentlichkeit: Sobald man den Foto zückt, erwischt man nur noch die Schwanzfedern.

Ein Beitrag von unserem MItglied Reinhard W. Moosdorf, März 2024. Fotos: W. Denk, P. Hedler, R.W. Moosdorf 

Europäische Wasserrahmenrichtlinie